Forschungsschwerpunkte 

  • Spätantike und frühmittelalterliche Christianisierung Europas
  • Beziehungen zwischen lateinisch-christlichem Europa und arabisch-islamischer Sphäre
  • Latein und Arabisch – Sozialgeschichten sprachlicher Verflechtung
  • „Bilder des Anderen“?: Gegenseitige Dokumentation von lateinisch-christlicher und arabisch-islamischer Sphäre
  • Orientalismus und Okzidentalismus

Forschungsprojekte

al-Gharb

Begriffsgeschichtliche Untersuchungen zur Entstehung eines kulturalistischen Konzepts des Westens in der arabisch-islamischen Sphäre (16.-19. Jh.)

Das Konzept des „Westens“ ist in Europa und Nordamerika weit verbreitet und manifestiert sich in zahlreichen Veröffentlichungen, in denen es – z. B. mit dem Bezug auf „westliche Werte“, „westliche“ Demokratievorstellungen etc. – häufig zu einer Abgrenzung von anderen Kulturräumen, insbesondere der islamischen Welt kommt. Gleichzeitig wird das Konzept des „Westens“ auch aus einer Außenperspektive bedient, nicht zuletzt in okzidentalistischen Diskursen, die z. B. von radikal-islamischen Gruppen, aber auch von anderen Akteuren geführt werden.

Ziel des Projektes ist es, Bilder des Westens in der arabisch-islamischen Sphäre systematisch aufzuarbeiten. Dabei geht es nicht nur darum, auf deren Vielfalt hinzuweisen und damit differenzierend in öffentliche und wissenschaftliche Debatten einzugreifen. Ziel ist es auch, den Ursprüngen kulturalistischer Wahrnehmungen des Westens nachzugehen. Die Forschung verlegt die Entstehung und Verbreitung eines kulturalistischen Konzeptes des Westens in das spätere 19. Jahrhundert, in dem islamische Gesellschaften mit den kolonialen Projekten europäischer Mächte konfrontiert und damit gezwungen wurden, sich mit den Charakteristika der von diesen Mächten vertretenen Gesellschaften auseinanderzusetzen. Obwohl es Hinweise darauf gibt, dass ein Konzept „westlicher Kultur“ schon früher kursierte, existiert bisher keine Untersuchung, die gezielt danach fragt, wann und wie sich diese neue Konzeptualisierung gegenüber früheren Alternativen durchsetzte.

Vor diesem Hintergrund widmet sich das Projekt der Frage, wann, warum und über welche Kanäle ein Konzept des Westens Einzug in Diskurse islamisch geprägter Gesellschaften hielt. Im Rahmen einer begriffsgeschichtlichen Untersuchung insbesondere arabischer Texte des 16. bis 20. Jahrhunderts soll untersucht werden, in welchen Kontexten die arabischen Begriffe „al-ġarb“ („der Westen“), „al-ġarbiyyūn“ („Westler“) und „ġarbī“ („westlich“) als kulturelle Sammelbegriffe auftauchen und ältere Konzeptionen Europas (z. B. „Land der Franken“ –„bilād al-Ifranǧ“) und auch Amerikas (z. B. „Westliches Indien“ – „al-Hind al-ġarbī“) komplementieren oder gar ablösen. Die Suche nach einer Art terminologischem „Wendepunkt“ ist also mit der Frage verbunden, in welchen Milieus und zu welchem Zweck diese kulturellen Sammelbegriffe verwendet wurden und in welchem qualitativen und quantitativen Verhältnis sie zu alternativen, etwa nationalen Kategorisierungen der „westlichen Welt“ stehen. Dabei gilt es zu eruieren, ob das Auftauchen dieser Sammelbegriffe eher als Resultat gemachter Erfahrungen mit westlichen Gesellschaften zu sehen ist, oder aber in Zusammenhang mit der Übersetzung und Rezeption europäischer Schriften und darin vertretener Kulturkonzepte steht, die sowohl für den Maġrib als auch den Mašriq des 19. Jahrhunderts nachweisbar sind.

Das Projekt wird u. a. gefördert von der Gerda Henkel Stiftung 
https://www.gerda-henkel-stiftung.de/projekte?page=113Marco

Entstehung und Aufstieg eines "islamischen Commonwealth" (600-1350)

Das Projekt stellt einen Beitrag zu Band 2 des von Jürgen Osterhammel und Akira Iriye herausgegebenen mehrbändigen Werkes „Geschichte der Welt“ dar und beschäftigt sich aus makrohistorischer Perspektive mit der Entstehung, Ausdifferenzierung und Interaktion von Islamicate societies, von Gesellschaften also, die mehr oder weniger stark von Varianten des Glaubenssystems Islam geprägt wurden.

Für die behandelte Periode zwischen etwa 600 und 1350 ist dabei Folgendes maßgebend:
(1) In der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts wurden die theologischen Grundideen des Islam erstmals ausformuliert und fanden eine rudimentäre gesellschaftliche Form. (2) Im Zuge der arabisch-islamischen Expansion des 7. und 8. Jahrhunderts wurden diese Grundideen mitsamt ihren gesellschaftlichen Manifestationen Teil eines imperialen Rahmens und begannen, sich auch jenseits dieser imperialen Sphäre zu verbreiten. (3) Dieser imperiale Rahmen begann ab etwa der Mitte des 8. Jahrhunderts in eine Vielzahl von muslimisch geführten Herrschaftsgebieten zu zerbrechen. Diese bildeten keine politische Einheit mehr und wiesen stärker werdende regionale Eigenheiten auf, blieben aber durch gewisse gemeinsame Standards miteinander verbunden. (4) Dieser „fragmentierte Verbund“ lässt sich mit den Begriffen Islamdom oder „islamische Sphäre / Kultur / Zivilisation / Welt“, nur unzureichend beschreiben. Aus diesem Grund wird hier mit einem anachronistischen Begriff experimentiert, der schon von Garth Fowden für die multipolaren Sphären von Christentum und Islam im ersten nachchristlichen Jahrtausend angewandt wurde: dem Commonwealth.

Die Entstehung eines islamischen Commonwealth soll in fünf Schritten nachgezeichnet werden: Teil I beleuchtet zunächst die ideologischen und politischen Voraussetzungen der muslimischen Expansion. Teil II zeigt, wie die arabisch-islamische Expansion des 7. und 8. Jahrhunderts verschiedene Gesellschaften unter der Oberherrschaft islamisch legitimierter Normen zusammenführte. Das durch die Expansion geschaffene Imperium stellte dabei den Ausgangspunkt für das muslimische Vordringen in neue Räume und strahlte über Jahrhunderte in verschiedene Teile des Eurafrasiaticums aus. Teil III erklärt vor diesem Hintergrund, wie sich im Laufe der Jahrhunderte in weiten Teilen des eurafrasiatischen Raumes „proto-globale“ Standards etablierten, zeigt aber auch die Grenzen dieser Standardisierungsprozesse auf. Gerade anhand des Neben- und Miteinanders von Muslimen und Nichtmuslimen in unterschiedlichen Herrschaftskonstellationen wird deutlich, dass die vom Islam geprägte Sphäre kulturell vielfältig war und blieb. Die Einbettung islamischer Grundideen in neue Kontexte funktionierte regional auf unterschiedliche Weise: Im frühislamischen Kontext entstanden, passten sich diese Grundideen unter sehr unterschiedlichen Bedingungen an neue Verhältnisse an. Die dabei erbrachten Anpassungsleistungen erleichterten ihre weitere Verbreitung, trugen aber auch zu ihrer Veränderung bei. Im Zuge jeder wechselseitigen Adaptierung, die das Zusammenspiel zwischen der jeweiligen Manifestation des Islam und dem jeweiligen Kontext charakterisierte, entstand im Rahmen eines „Transkulturationsprozesses“ eine neue kulturelle Synthese. Im Laufe der Jahrhunderte entstanden somit immer mehr und immer unterschiedlichere Manifestationen des Islam, deren Kompatibilität und Vielfalt den islamischen Commonwealth als transregionalen Kommunikations- und Interaktionsraum ausmachten. Teil IV erklärt dessen Funktionieren mit Hinweis auf islamisch geprägte protoglobale Netzwerke, Handels- und Wissenströme der „Alten Welt“ und endet mit einem Rundblick auf den islamischen Commonwealth um 1350. Teil V erörtert im Rahmen eines Ausblicks, inwieweit die Geschichte des Commonwealth noch heute eine Rolle spielt.

Latein & Arabisch

Sozialgeschichten sprachlicher Verflechtung

Im Euromediterraneum haben Latein und Arabisch jahrhundertelang eine dominante Rolle als Sprachen der Administration, der Intellektualität und der Religion gespielt. In diesen Funktionen werden sie häufig als kulturelle Marker des christlichen Europa und der (mediterranean) islamischen Welt wahrgenommen.

Beide Sprachsysteme kamen erstmals im römischen Nahen Osten miteinander in Berührung, wo es allerdings nur zu einer limitierten Anzahl von Verflechtungsformen kam. Die arabisch-islamische Expansion in den sprachlich vom Lateinischen und seinen romanischen Derivaten geprägten westlichen Mittelmeerraum ließ das Repertoire lateinisch-arabischer Verflechtungsformen dann signifikant wachsen. Ab der Frühen Neuzeit zogen sich Formen der lateinisch-arabischen Verflechtung allerdings zunehmend in die akademische Sphäre zurück, während es zu zahlreichen Spielarten romanisch-arabischer Verflechtungen kam, darunter zu einem als lingua franca bekannten mediterranen pidgin. Seitdem das Lateinische von den europäischen Vernakularsprachen ersetzt worden ist, hat das Lateinische – anders als das Arabische – aufgehört, bestimmte Funktionen einer „Weltsprache“ zu erfüllen. Daher existieren lateinisch-arabische Verflechtungen heute nur noch in hochspezialisierten akademischen Milieus.

Phänomene lateinisch-arabischer Verflechtung gibt es in verschiedenen Formen. Diese reichen von der sprachlichen Analyse (Kommentare zur jeweils anderen Sprache) über Regulierungsversuche (Sprachpolitik), Transformationen und Appropriationen (mündliche und schriftliche Übersetzungen, bilinguale Wortlisten, Glossare, Entlehnungen, Lehnübersetzungen) bis hin zu graphischen, literarischen oder sogar systemischen Formen der Hybridität. Die Rekonstruktion der jeweiligen nichtsprachlichen (sozialen, politischen, wirtschaftlichen) Bedingungen, die zur Entstehung einer spezifischen Verflechtungsform beitragen, erlaubt Einblicke in hochkomplexe soziokulturelle Konstellationen, die kaum durch religiöse oder kulturalistische Dichotomien, z. B. zwischen „Christen“ und „Muslimen“ oder „dem Islam“ und „dem Westen“ erklärt werden können.

Zwei makrohistorische Zugänge sowie mehrere Fallstudien zur Geschichte lateinisch-arabischer Verflechtungen ist erschienen im Sammelband „Latin & Arabic: Entangled Histories“. Die Erforschung lateinisch-arabischer Phänoneme wird aber auch in den nächsten Jahren weitergeführt. Studierende des Lateinischen und Arabischen sind herzlich willkommen, Kontakt aufzunehmen.

Interessenten an diesem Themenfeld finden weitere interessante Informationen auf den Homepages des Centre for the History of Arabic Studies in Europe (Warburg Institut, London); des Digital Averroes Research Environment (Thomas-Institut, Köln), der Forschungsstelle Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte der griechisch-arabisch-lateinischen Tradition (Abteilung für Philosophie, Uni Würzburg) und des Projektes Ptolemaeus Arabus et Latinus (Bayerische Akademie der Wissenschaften).

Zum Thema: König, Daniel G. (Hrsg.), Latin and Arabic. Entangled Histories (Heidelberg Studies on Transculturality), https://doi.org/10.17885/heiup.448.

Quellenanthologie lateinisch-arabisches Mittelalter

Anders als im französisch- und englischsprachigen Bereich existieren auf Deutsch bisher nur wenige Quellenkompilationen, die Zugang zu gut übersetzten lateinischen und arabischen Quellen und damit einen fundierten Einblick in die Beziehungen zwischen mittelalterlichem lateinisch-christlichem Europa und arabisch-islamischer Sphäre bieten. Angesichts der Tatsache, dass historische Themen eine wichtige Rolle in derzeitig stark politisierten Debatten zu den Themen Islam, Integration, Salafismus, Islamophobie, christlich-muslimische Beziehungen etc. spielen, geht es hier also darum, ausgewählte lateinisch-arabische Quellen und Forschungsergebnisse sowohl für die akademische Lehre als auch für den Schulunterricht aufzuarbeiten, um so eine nuancierte Auseinandersetzung mit dieser Vielfalt an Beziehungsgeschichten zu ermöglichen. Die Quellenanthologie soll Einblick in die Beziehungen zwischen Europa und der arabisch-islamischen Welt in den Bereichen Politik-, Wirtschafts-, Sozial-, Kultur-, Religions- und Wissenschaftsgeschichte in einem weiter gefassten Mittelalter (ca. 6. bis frühes 17. Jh.) geben.

Eine hervorragende Online-Sammlung kommentierter Quellen, darunter Texte, Bilder und Artefakte zu diesem weiteren Themenfeld findet sich unter www.qantara-med.org

Hier der Link zu den ersten Einträgen einer Quellenanthologie, die derzeit in der Arbeitsgruppe von Daniel G. König erstellt wird: https://wiki.uni-konstanz.de/transmed

RELCOM: Interreligiöse Kommunikation in und zwischen lateinisch-christlicher und arabisch-islamischer Sphäre: Makro-Theorien und Mikro-Konstellationen

Das von der UK-German Funding Initiative in the Humanities (AHRC/DFG) finanzierte Projekt basiert auf der intensiven Zusammenarbeit zwischen zwei Forschungsteams an den Universitäten Durham (Theresa Jäckh) und Konstanz (Daniel G. König), die jeweils aus dem/der jeweiligen ProjektleiterIn und einer/einem Post-doc bestehen. Es  befasst sich mit interreligiösen Kommunikationsprozessen in und zwischen mittelalterlicher lateinisch-christlicher und arabisch-islamischer Sphäre.

Die Forschung der letzten dreißig Jahren hat unser Verständnis für jüdisch-christlich-muslimische Beziehungen im Mittelmeerraum maßgeblich erweitert. Dabei hat sie politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Interaktionsfelder sowie Phänomene gegenseitiger Wahrnehmung, Transgression und Hybridität analysiert, ferner in den Konzepten „dhimmitude“, „convivencia“ und „conveniencia“ systemische Modelle interreligiöser Interaktion vorgeschlagen. Im Rahmen der Beschreibung verschiedener Milieus und Muster jüdisch-christlich-muslimischer Kommunikation wurden zudem zahlreiche, voneinander unabhängige Hypothesen formuliert. Angesichts der großen Bandbreite in den Quellen dokumentierter interreligiöser Kommunikationsprozesse harren diese Modelle und Hypothesen allerdings einer kritischen Überprüfung hinsichtlich ihrer Komplementarität, Widersprüche und Plausibilität.

Unser Projekt betrachtet die Varianten interreligiöser Kommunikation aus einer makro- und aus mehreren mikrohistorischen Perspektiven. Auf makrohistorischer Ebene sammelt, konfrontiert und systematisiert es wissenschaftliche Hypothesen zur interreligiösen Kommunikation. Auf mikrohistorischer Ebene dient die Untersuchung ausgewählter Quellencorpora der Überprüfung des theoretischen Forschungsrahmens, darunter etwa die historiographische Dokumentation christlich-muslimischer Unterhaltungen, christlich-muslimische Korrespondenz sowie Rechtsquellen zu Juden, die Rechtskonflikte und Klagen vor muslimisch oder christlich dominierten Gerichten verhandelten. Obwohl diese und vergleichbare Corpora nicht alle Facetten interreligiöser Kommunikation zwischen der mittelalterlichen lateinisch-christlichen und arabisch-islamischen Sphäre abdecken, erlauben sie dennoch eine kritische Überprüfung vorhandener Modelle und Hypothesen zu jüdisch-christlich-muslimischer Kommunikation.