Aktuelles Forschungsprojekt

Reinhart-Koselleck-Projekt "Vergesellschaftung unter Anwesenden und ihre Transformation. Eine Gesellschaftsgeschichte und Theorie der europäischen Frühneuzeit"

Es gibt derzeit weder eine ausformulierte noch eine unter historisch arbeitenden Kulturwissenschaftlern intuitiv geteilte Vorstellung, was die Besonderheit der europäischen Frühneuzeit sei. Das vor drei Jahrzehnten noch diskutierte Konzept einer von einer frühbürgerlichen Revolution umgestalteten feudalen Gesellschaft ist nicht nur wegen seiner geschichtsphilosophischen Implikationen in Vergessenheit geraten. Modernisierungstheorien konnten es nicht ersetzen, weil sie tendenziell zur Enthistorisierung ihrer Gegenstände neigen. Die Fachhistoriographie behilft sich unterdessen damit, dass sie die Frühe Neuzeit über ein mehr oder minder umstrittenes Zeitfenster (von ca. 1500 bis ca. 1800) identifiziert und ansonsten Prozesse und Themenfelder auszeichnet, auf die die Forschung sich dann in Konjunkturen bezieht. Konfessionalisierung ist ein solches Thema, Staatsbildung ein anderes. Die Anfänge der Globalisierung wurden erst kürzlich entdeckt. Historische Anthropologie und kulturgeschichtliche Ansätze haben Themen wie Hexenverfolgung oder Kriminalitätsgeschichte bearbeitet, die Sozialgeschichte sich auf Widerstand, Aufstände und Phänomene sozialer Ungleichheit konzentriert. Neuerdings wird die symbolische und zeremonielle Stabilisierung der ständischen Hierarchien intensiv erforscht. Eine konsistente Vorstellung von den Besonderheiten frühneuzeitlicher Vergesellschaftung zeichnet sich dabei keineswegs ab. Weder ist die Differenz zur Moderne wirklich zu benennen noch kann man die Einheit der Neueren Geschichte begründet auf den Punkt bringen.

Mein Vorhaben zielt darauf, die europäische Frühneuzeit in ihrer Epocheneinheit als eine spezifische Form der Vergesellschaftung zu beschreiben und gleichzeitig die entscheidenden Transformationsprozesse zu erfassen, die diese Gesellschaftsformation auszeichnen. Soziales (und damit Gesellschaft) konstituiert sich in kommunikativen Operationen und wird zur Ausbildung von Zeit und Raum überspannenden Strukturen fähig über die medienvermittelte Formung von Kommunikation. Dieses Konzept ist für moderne Gesellschaften theoretisch sehr detailliert ausformuliert und in seinen unterschiedlichen differenzierungstheoretischen Elementen inzwischen auch Allgemeingut in den historischen Kulturwissenschaften. Für die Vormoderne fehlt nicht nur eine solche kommunikations- und medientheoretisch ausgearbeitete Theorie der Vergesellschaftung, es fehlt auch eine daran orientierte Geschichte der frühneuzeitlichen Gesellschaft. Beides ist eine Herausforderung.

Ausgangspunkt für ein solches Unterfangen kann ein differenziertes Modell von Kommunikation unter Anwesenden sein, dessen Einzelelemente sich aus Phänomenologie, Symbolischem Interaktionismus, Kybernetik und Systemtheorie zusammenfügen lassen. Vergesellschaftung unter Anwesenden bedeutet dann, dass Soziales, seine Strukturen und soziale Differenzierung im Wesentlichen durch die Formung und Konditionierung von Anwesenheitskommunikation hervorgebracht werden.

Um die Umrisse einer derart fundierten Gesellschaftsgeschichte zu erfassen, wurden 2014 vorbereitende Arbeiten monographisch unter dem Titel „Anwesende und Abwesende“ zusammengeführt. Im Zuge der Arbeiten an dieser Veröffentlichung stellte sich heraus, dass anthropologische Konzepte ein zentrales semantisches Feld in der Selbstbeschreibung der frühneuzeitlichen Gesellschaft sind. Dem Thema wurde 2016 eine Tagung gewidmet, die eine Veröffentlichung vorbereiten soll. Das Buch Veröffentlichung von 2014 konnte, wie schnell abzusehen war, nicht alle Ansprüche an das Vorhaben einer inhaltlich wie konzeptionell geschlossenen Gesellschaftsgeschichte einlösen. Sie ist weiterhin ein Desiderat, an dem gearbeitet wird.

Fördereinrichtung:

DFG
Projektlaufzeit:
2010-2017
Projektmitarbeiter:
Isabelle Schürch